Programmbeschwerde an den ZDF Fernsehrat

Dieses Schreiben ist dem ZDF-Fernsehrat in der letzten Woche zugegangen – wir sind gespannt auf die Antwort:

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit legen wir Beschwerde zur Sendung „Markus Lanz“ vom 16.01.2014 ein. Der Moderator Markus Lanz führte in der gleichnamigen Talkshow ein Interview mit der Politikerin Sahra Wagenknecht (Die Linke). Dabei wurden nach unserer Einschätzung Programmgrundsätze sowie journalistische Standards verletzt. Unsere Programmbeschwerde möchten wir näher begründen.

  1. Das o.g. Interview ist nicht vereinbar mit ethischen Grundsätzen des Journalismus.
    • Aus den im Grundgesetz verbrieften Freiheitsrechten von Presse und Rundfunk sowie den Rundfunkurteilen des Bundesverfassungsgerichts leitet sich die Pflicht von Journalist/innen ab, sachlich und fair zu berichten. Dies ist im o.g. Fall nicht geschehen.
    • Wir sehen das Grundrecht der Menschenwürde, das auch Politikerinnen wie Frau Wagenknecht zusteht, durch die Fragetechnik Markus Lanz’ verletzt. Herr Lanz ließ seine Interviewpartnerin so gut wie nie ausreden, nachdem er ihr eine Frage gestellt hatte. Es schien zudem nicht darum zu gehen, mit der Politikerin zu reden, sondern sie durch die wechselweise Fragestellung von Lanz und dem eigentlich als Gast anwesenden Journalisten Hans-Ulrich Jörges,  geradezu zu diskreditieren. In einem demokratischen Gemeinwesen ist es ein fatales Signal, wenn im öffentlich-rechtlichen Fernsehen grundlegende Prinzipien der demokratischen Diskurskultur missachtet werden.

     

  2. Das Interview von Markus Lanz mit Sahra Wagenknecht ist nicht vereinbar mit dem Bildungs- und Informationsauftrag des ZDF.
    • Bürger haben auftragsgemäß einen Anspruch auf Information, den das ZDF laut BverfGer zu erfüllen hat. Allerdings erfuhr das Publikum kaum etwas über die politische Zielsetzung der Politikerin. Man könnte zu dem Eindruck kommen, dass dies womöglich die Absicht von Lanz’ Fragestil war. Das Argument, dass die Lanz-Talkshow dem Bereich Unterhaltung zugeordnet ist erscheint uns hier zweitrangig, da die Fragen des Moderators, sollten sie nicht als Satire gemeint gewesen sein, auf politische Aspekte zielten (Zitat: Euro – rein oder raus?“).
    • Die Interviewsituation reproduzierte darüber hinaus die bestehende Genderungleichheit. Herr Lanz machte bereits zu Beginn der Sendung deutlich, dass er eine dominante männliche Rolle im Interview einnehmen will, als er die Interviewpartnerin mit seinem vermeintlichen Kompliment als „die schönste Linke aller Zeiten“ begrüßte. Es ist schwer vorstellbar, dass er das äußere Erscheinungsbild eines männlichen Gegenübers in ähnlicher Weise mit dessen politischer Überzeugung verknüpft und zum Thema gemacht hätte. Dass Lanz als Moderator Frau Wagenknecht nicht ausreden ließ, verstärkt den Eindruck, dass er sie ganz bewußt nicht nur aufgrund ihrer politischen Einstellung sondern auch als Frau diskreditieren wollte. Es ist nicht akzeptabel, dass sich der öffentlich-rechtliche Sender ZDF mit seinem Moderator Markus Lanz an dieser, unseres Erachtens perfiden Form der Abwertung bestimmter politischer Überzeugungen und der Reproduktion von Geschlechterungleichheit beteiligt.

Es ist bezeichnend, dass das ZDF nicht auf die über 200.000 Unterzeichner/innen einer Online-Petition gegen die betreffende Sendung eingeht, um beispielsweise anhand qualitativer Argumente herauszufinden, was genau hinter dieser großen Resonanz auf die Sendung steckt. Es herrscht, trotz vereinzelter selbstkritischer Töne, offenbar die einhellige Einschätzung vor, dass es sich um einen shitstorm oder Cybermobbing handelt. (http://www.spiegel.de/kultur/tv/interview-mit-zdf-programmdirektor-norbert-himmler-zumarkus-lanz-a-945388.html).
Dass die Internetgemeinde ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahrnimmt, um in einer breiteren Öffentlichkeit Gehör zu finden, wurde gar nicht erst in Erwägung gezogen. Wir plädieren für eine differenzierte Sichtweise: Unserer Ansicht nach ist es zunächst positiv zu bewerten, dass sich so viele Menschen – dieses Mal kritisch – mit dem Programm des ZDF auseinandersetzen.

Dass sich darunter durchaus reflektierte und konstruktive Kritik findet, belegt beispielsweise der Kommentar von J. Robrandt, der am 30.01.2014 auf unserer Homepage gepostet wurde. Wir zitieren im Wortlaut.

„Anfang der 1970er-Jahre haben wir noch im Studium (Marketing, Kommunikationsgestaltung) gelernt: „Ein Kunde der sich offen artikuliert – ob kritisch oder lobend – repräsentiert zirka zehn weitere.” Inzwischen hat sich das Verhältnis etwa verzehnfacht: Einer der sich artikuliert, repräsentiert annähernd 100 andere. Bei der herrschenden Informationsflut artikulieren sich eher immer weniger Menschen zu dem was auf sie einstürmt. Lernen die Macher des ZDF auf ihren Manager-Akademien und -Seminaren solche Weisheiten nicht mehr? Wenn sich also bei OpenPetition 231.245 Unterzeichner (Stand: 30.1.2014) für eine Petition gegen eine ZDF-Sendung finden, repräsentieren sie annähernd 20 Millionen unzufriedene Zuschauer. Das sollte doch den ZDF-Oberen sehr zu denken geben, oder?“
(vgl. http://publikumsrat.de/2014/01/reaktionen-und-meinungen/#comments)

ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler bemängelte im o.g. SPIEGEL-Interview „dass eine Online-Petition, die man einfach anklicken kann, so weit weg vom Kern der eigentlichen Diskussion führt.“
Diese und weitere Diskussionen um das Programm qualifiziert, kritisch und mit einer grundsätzlich positiven Haltung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu führen, sehen wir als Schwerpunkt unserer Initiative für die Etablierung eines Publikumsrats, eines konstruktiven Dialogs zwischen Anstalten und Publikum.

Für weitere Gespräche stehen wir gerne zur Verfügung.
Dr. Christine Horz, Frankfurt
Dr. Sabine Schiffer, Erlangen

10. Februar 2014 von admin
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