3sat: Kulturzeit?

Der öffentlich-rechtliche Kooperationskanal 3sat sendet werktäglich im Vorabendprogramm die Kultursendung „Kulturzeit“, die von Zuschauern und Zuschauerinnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz empfangen werden kann.

3Sat Kulturzeit von Donnerstag, 22.01.2015 verletzt u.E. gleich an mehreren Stellen die journalistische Sorgfaltspflicht. Eine Richtigstellung erfolgte bislang nicht. Nur drei Beispiele:

Zu Beginn wir der kritische Einwand des Papstes, dass Meinungsfreiheit nicht dazu führen dürfe Gläubige zu verletzen, auf den von Franziskus scherzhaft gemeinten Vergleich, dass er seinem Begleiter einen Faustschlag versetzen würde, wenn der seine Mutter beleidige verkürzt. Sei’s drum – die Sendung brauchte wohl einen „schlagkräftigen“ Aufmacher.

Der Bericht von Alexander Klucinski (ab min 9:00) zu den Reaktionen „im arabischen Raum auf die neuesten Karikaturen von „Charlie Hebdo“ ist allerdings mit groben Patzern in der Bild- und Textkonzeption gespickt. In dem Beitrag wird zu Beginn über zahlreiche Demonstrationen in der muslimischen Welt berichtet. Ab min. 10:20 wird das Außenministerium in Katar zitiert, das den Nachdruck der „Charlie Hebdo“-Zeichnungen in der westlichen Presse verurteilt. Der off-Kommentar ist über eine Kamerafahrt gelegt, die wohl Katar darstellen soll – allerdings handelt es sich tatsächlich um Dubai, wie auch das Konterfei, des auf einem der Häuser abgebildeten Herrschers von Dubai, unterstreicht (10:26 min).

 al maktum

Die Bildredaktion dachte wohl, hauptsache irgendwas mit Sand und Hochhäusern…..Der nächste grobe Fehler folgt direkt im Anschluss, als der ägyptische Großmufti mit den Worten zitiert wird, die Zeichnung (des weinenden Muhammed auf der Titelseite von Charlie Hebdo) sei eine „ungerechtfertigte Provokation der Gefühle von 1,5 Millionen Muslimen auf der Erde…“. Das Zitat wird im Wortlaut auf dem Bildschirm eingeblendet – umso schlimmer, denn es muss natürlich 1,5 Milliarden Muslime heißen.

Großmufti

Von journalistischer Sorgfalt in der Bild- und Textauswahl also keine Rede. Das ist vor allem deshalb schlimm, weil Studien nachgewiesen haben, dass die Deutschen sich schlecht über den Islam informiert fühlen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat jedoch einen Bildungs- und Informationsauftrag zu erfüllen. Hier ist das Gegenteil der Fall.

Doch auch bei dem im Anschluss gesendeten Interview mit  Stefan Weidner stellen sich viele Fragen hinsichtlich journalistischer Qualität und Sorgfalt. Es soll um den Blick der islamischen Welt auf die Karikaturen gehen, doch eingeladen wird ein deutscher Journalist und „Islamwissenschaftler“, der nach der Situation in Doha gefagt, wird – der Hauptstadt von Katar – in der er an dem Congress German-Arabic Relations am 14. und 15. Januar 2015 als einer von insgesamt 20 Vortragenden teilgenommen hat.

weidner

Die Fragen von Ernst Granditz nach der Stimmung in Katar muten merkwürdig an – Katar ist ein 11 qm großes Emirat mit etwas mehr als 2 Mio. Einwohnern, das zwar durch seinen Gasexport bekannt, aber bislang noch nicht als religiöses Zentrum des Islam aufgefallen ist. Oder meinte der Kulturzeit-Moderator die Tagungsteilnehmer? Warum wurde dann nicht Udo Steinbach zum Interview geladen, der ebenfalls an der Tagung zu deutsch-arabischen Beziehungen teilgenommen hatte und im deutschsprachigen Raum als ausgewiesener Kenner des Nahen Ostens gilt? Oder Dr. Szilvia Lengl aus Berlin, deren Vortragssthema den interkulturellen Dialog behandelt und insofern womöglich näher an den Fragen von Ernst Granditz dran gewesen wäre? Oder Ayman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, der selbst Muslim ist? Als Weidner gefragt wird, „was aus arabischer Sicht religiöse Gefühle sind“ und ob sie durch die Zeichnungen verletzt würden, spricht Weidner den Muslimen ab, dass ihre religiöse Gefühle verletzt seien. Doch welche religiöse Autoriät hat Stefan Weidner? Wie kann er die arabische Sicht einnehmen? Und wie kann er eine derart pauschale, nicht näher begründete Aussage über 1,5 Milliarden Muslime in 56 verschiedenen islamische Staaten machen? Zu guter letzt zitiert Weidner eine Charlie Hebdo-Zeichnung, die Mohammad zeige, der, so Weidner, sagt, es sei hart von Idioten geliebt zu werden. Ob es scherzhaft gemeint ist, als er anfügt, dass die Karikaturen all jene Idioten betreffen, die Mohammad lieben?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, auch 3sat, sendet für die Allgemeinheit, also alle Bürger, auch diejenigen muslimischen Glaubens, die bei konservativ geschätzten 4 Mio Muslimen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Deutschland mit schätzungsweise 1,5 Millionen Haushalten ca. 27 Millionen Euro Rundfunkbeiträge zahlen. Es ist fraglich, ob sich die muslimischen BeitragszahlerInnen und nicht zuletzt weite Teile der Gesellschaft, die für ein friedliches Miteinander einstehen – wie die Anti-Pegida-Demonstrationen der letzten Tage gezeigt haben – in dieser Sendung wiederfinden. Wohl kaum.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

28. Januar 2015 von Christine Horz
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